
Mein Zauberstab, dein Zauberstab
Das kommt mir bekannt vor · 7 Minuten Lesezeit
Eine Tür geht auf. Ein Gegner schlurft herein.
Der Magier holt mit seinem Zauberstab aus und schmettert ihn dem Gegner auf den Hinterkopf. So fest, dass der Schädel knirscht.
Und die ganze Spielgruppe lacht schallend.
Nicht über die Szene. Über sich selbst.
Denn drei Sitzungen lang hatte keiner gemerkt: Im Kopf des Spielleiters stand ein Gandalf-Stab. Mannshoch, schwer, ein Wanderstab. Und im Kopf der Spieler ein Harry-Potter-Stäbchen. Kurz, dünn, ein Taktstock.
Dasselbe Wort. Eine andere Welt.
Aber der Reihe nach.
Wir spielen DSA. Eine Gruppe Helden auf einem verwunschenen Schiff, mit dabei ein Magier – ein Nichtspieler-Charakter, geführt vom Spielleiter. Und Magier haben einen Zauberstab. Das ist klar. Das muss niemandem erklärt werden.
Die Lage wird brenzlig. Die Gruppe zieht sich zurück, tief in die Eingeweide des Schiffs, in eine kleine Kammer. Sie verschanzen sich. Der Magier stellt sich hinter die Tür.
Dann Schritte. Sie kommen näher. Jemand ist im Gang.
Die Tür geht auf. Der Gegner schlurft herein. Der Magier holt aus.
Wenn du schon einmal gespielt hast, erwartest du in diesem Moment etwas Bestimmtes. Einen Lichtblitz. Eine Formel. Irgendeine Magie.
Nichts davon passiert. Der Magier nimmt den Stab wie einen Knüppel und schlägt ihn dem Gegner über den Schädel. Dass es knirscht.
Stille am Tisch. Dann brüllendes Gelächter.
Weil in genau diesem Moment allen gleichzeitig dasselbe aufgeht: Der Spielleiter hatte die ganze Zeit einen massiven Holzstab vor Augen. Einen Wanderstab. Eine Waffe, wenn es sein muss. Die Spieler dagegen hatten diese kleinen, dünnen Stäbchen im Kopf. Filigran. Zerbrechlich. Etwas, womit man elegant zaubert, aber sicher niemandem den Schädel einschlägt.
Drei Sitzungen lang hatten alle «Zauberstab» gesagt. Drei Sitzungen lang hatte jeder genickt. Und drei Sitzungen lang hat keiner gemerkt, dass sie über zwei völlig verschiedene Dinge reden.
Und jetzt kommt das Entscheidende: Es ist aufgefallen.
Weil am Spieltisch irgendwann jeder dasselbe Bild vor Augen haben muss. Die Geschichte gehört allen. Also kommt der Stab irgendwann für alle auf den Tisch. Erst der Aufprall hat den Unterschied sichtbar gemacht – aber sichtbar wurde er.
Merk dir diesen Satz: Am Spieltisch fällt es auf.
Und dann sitze ich in einem Workshop.
Strategie-Workshop. Acht Leute aus der erweiterten Geschäftsleitung, zwei Tage Zeit, eine Frage: Wie werden wir agiler?
Nach drei Stunden wird mir etwas klar. Vier von ihnen reden über Scrum. Zwei reden über schnellere Entscheidungswege. Einer redet über weniger Bürokratie. Und einer redet eigentlich über etwas ganz anderes – er weiss es selbst nicht so genau, aber «agil» klingt nach dem, was er meint.
Acht Menschen. Ein Wort. Vier Stäbe.
Und diesmal muss niemand den Stab auf einen Schädel schlagen. Also fällt es niemandem auf.
Wenn man einmal anfängt, darauf zu achten, sieht man diese Stäbe überall. «Agil» ist nur der offensichtlichste.
Nimm das Wort «Strategie». Für den einen ist das ein Plan von oben. Für den anderen eine Richtung, die sich unterwegs ergibt. Für den dritten die Geschichte, die man nach aussen erzählt. Und für den vierten ist Strategie das Papier, das in der Schublade liegt und an das sich niemand mehr erinnert.
Oder der schöne Satz: «Wir sind ein Team.» Für den einen heisst das: Wir ergänzen uns fachlich. Für den anderen: Wir tragen uns auch dann, wenn es persönlich schwierig wird. Für den dritten heisst «Wir sind ein Team» schlicht: Bitte widersprich mir nicht.
Und mein persönlicher Favorit: «Wir brauchen eine Lösung.» Der eine meint einen schnellen Workaround. Der andere meint, dass man das Problem an der Wurzel packt. Und der dritte meint eigentlich nur: Ich will jemanden, den ich anschreien kann.
Das sind keine Spitzfindigkeiten. Das sind dieselben Stäbe. Jeder benutzt das Wort, jeder nickt, und keiner sieht das Bild im Kopf des anderen.
Aber jetzt wird es interessant.
Denn bisher hatte immerhin jeder ein Bild. Verschieden, aber vorhanden. Es gibt eine Sorte Worte, bei denen ist nicht einmal das sicher.
Du sitzt in einem IT-Projekt. Irgendjemand sagt: «Wir machen das mit Scrum.» Und alle nicken. Aber die wenigsten am Tisch könnten dir wirklich erklären, was das eigentlich ist.
Das ist der Moment, in dem der Stab nicht nur verschieden ist. Er ist leer. Da ist gar kein Stab in der Hand. Nur die Geste.
Und das Eigentliche ist nicht, dass die anderen es nicht wissen. Das Eigentliche ist: Wir nicken trotzdem mit. Nicht weil wir dasselbe Bild haben. Sondern weil Nachfragen verraten würde, dass wir selber gar keins haben.
Jetzt die Frage, die alles zusammenhält: Warum erlauben wir uns das überhaupt? Warum nicken wir mit bei einem Wort, das wir nicht füllen können?
Weil wir insgeheim denken: Das Wort wird bei mir sowieso nie physisch. «Scrum» muss der IT'ler umsetzen. Sein Wort, sein Inhalt. Ich muss es nur durchwinken. Ich verberge nur, dass ich keine Ahnung habe, was er da tut.
Und, ganz ehrlich: Am Spieltisch ist das genauso. Den Stab benutzt der Magier, nicht ich. Streng genommen müsste ich gar nicht wissen, was für ein Stab das ist.
Aber jetzt kommt der Unterschied.
Der Spieltisch zwingt uns in eine gemeinsame Vorstellung. Wir erzählen eine Geschichte, zusammen, und in dieser einen Geschichte gibt es nur einen Stab. Deshalb muss auch der Nicht-Magier eine Vorstellung davon haben. Nicht weil er ihn benutzt – sondern weil er in derselben Welt sitzt.
Genau das lassen wir im Unternehmen weg. Wir halten es für überflüssig, ein gemeinsames Bild zu haben. Jeder arbeitet ja an seinem Teil. Also geht jeder in seine eigene Vorstellung. Seine private Imagination.
Und dann passiert Folgendes.
Der Eine baut das grosse Software-System um. Sauber, gründlich, nach den ersten Vorgaben, die auf dem Tisch lagen. Er giesst sein Fundament in Beton.
Was er nicht verstanden hat: «Scrum» hiess, dass man in kurzen Runden arbeitet. Und dass sich nach jeder Runde das Ziel noch verschieben kann. Während er sein Fundament härten lässt, bewegt sich über ihm noch alles.
Am Ende des Projekts passt das, was er gebaut hat, nicht mehr zu dem, was inzwischen alle anderen gebaut haben.
Jeder hatte einen Stab. Jeder hat ihn ehrlich benutzt. Jeder hat saubere Arbeit gemacht. Nur war es nie derselbe Stab. Und keiner hat ihn je auf denselben Tisch gelegt.
Das ist der Systemfehler.
Nicht, dass Menschen verschiedene Bilder haben. Das ist normal, unvermeidbar. Sondern: dass wir glauben, wir bräuchten kein gemeinsames. Der Spieltisch erzwingt die geteilte Vorstellung. Das Unternehmen erlaubt jedem seine eigene.
Was am Spieltisch in einer Szene auffällt, fällt im Unternehmen erst am Ende auf. Wenn der Beton schon hart ist.
Also.
Welches Wort benutzt ihr in eurem Team gerade so selbstverständlich, dass keiner mehr fragt, was ihr eigentlich darin seht?
Und vielleicht die unangenehmere Frage: Bei welchem dieser Worte gehst du davon aus, dass jemand anders es schon füllt – und schaust deshalb selber nicht hin?
Vielleicht lohnt es sich, den Stab einmal gemeinsam auf den Tisch zu legen. Bevor der Beton hart wird.
Eine Mail, wenn eine neue Episode erscheint. Sonst nichts.